Fertigungstechniken

Grundsätzlich 
Wendeschuhe werden mit der Innenseite nach außen weisend zusammengenäht und anschließend umgestülpt, so dass alle Nähte des Schuhs geschützt auf der Innenseite liegen. Um das vernähen von Oberleder und Sohle zu ermöglichen, wird in der Regel zur Vorbereitung die Sohle auf den Holzleisten genagelt, und das Oberleder anschliessend über den Leisten „gezwickt“, d.h. über die Ränder des Leisten gezogen und mit Sohle und Leisten vernagelt. 
Der nach dem Vernähen nötige Wendeprozesses lässt es nicht zu, beliebig dickes und festes Leder zu nutzen, weshalb Wendeschuhe grundsätzlich eine sehr flexible Fußbekleidung darstellen.

Die Weiterentwicklung der Fertigungstechniken im hohen und späten Mittelalter
Im Laufe des 11. Jahrhunderts beginnt die langsame Umstellung der Sohlen-Oberlederverbindung vom Fleisch-Fleisch- Stich (Tunnelstich) auf den Fleisch-Kante-Stich, welche dann im 12. Jahrhundert ihren Abschluß findet (*1*/*2*/*3*/*4*). Es ist zu vermuten, dass dieser Umstellung vom bis daher üblichen Tunnelstich als Sohlen-Oberleder-Verbindung auf den Fleisch-Kante-Stich eine Vereinfachung und somit ein zeitlicher Minderaufwand bei der Herstellung von Schuhwerk zugrunde liegt.
Allgemein ist mit dem Ende des 13. Jahrhunderts zu beobachten, dass bei der Fertigung wendegenähter Schuhe der Fokus auf Stabilität und Haltbarkeit, aber auch auf eine Vereinfachung der Anfertigung, gerichtet wird.
Zur Verbesserung der Stabilität und der Haltbarkeit des wendegenähten Schuhwerkes wurden im Laufe der Zeit verschiedene Möglichkeiten entwickelt und eingesetzt:

1. Fersen- oder Hinterkappen: Eine Fersenkappe ist eine Verstärkung des Oberleders in der Fersenpartie. Archäologisch können zwei Typen anhand ihrer Lage am Schuh unterschieden werden: einmal die auf der Innenseite des Oberleders befestigte Kappe, sowie die auf der Aussenseite befestigte Fersenkappe, wobei der im Inneren befestigte Typ weitaus häufiger im Fundgut anzutreffen ist (*1*).
Allgemein wurde es im 13. Jahrhundert üblich, das Oberleder in der Fersenpartie mit einer Fersenkappe zu doppeln, wobei die Basiskante eines dreieckigen bis trapezförmigen Lederstückes in die Sohlen-Oberlederverbindung eingearbeitet und mit einer Applikennaht am Oberleder angeheftet wurde.

Fersenkappe mit Applikennaht am Oberleder befestigt

Fersenkappe mit Applikennaht am Oberleder befestigt

2. Nestelloch- oder Verschlussverstärkungen: Diese Verstärkungen sind Doppelungen des Oberleders in der Ösenpartie von Schnür- oder Knöpfriegelschuhen. Bei Schuhen mit seitlicher Schnürung waren die meist u-förmig zugeschnittenen Verstärkungen an ihrer Basis in die Sohlen-Oberlederverbindung eingearbeitet und mit einer Applikennaht am Oberleder angeheftet. Bei Schuhen mit Ristschnürung waren die meist ebenfalls u-förmig zugeschnittenen Verstärkungen mit einer Applikennaht am Oberleder befestigt, die Knopflöcher der Knöpfriegelschuhe waren hingegen mit rechteckigen Streifen unterlegt (*1*). 
Nestelloch – oder Verschlussverstärkungen sind vermehrt ab dem 13. Jahrhundert zu beobachten (*1*,*2*). 

Beispiel für Form und Position einer Nestellochverstärkung

Beispiel für Form und Position einer Nestellochverstärkung

3. seitliche Verstärkungen: Seitliche Streifenverstärkungen sind Dopplungen des Oberleders im lateralen und medialen Bereich des Vorderfusses. Die Streifen sind meist länglich-dreieckig zugeschnitten, waren mit der Basis in die Oberleder-Sohlen-Naht vernäht und mit einer Applikennaht ans Oberleder geheftet (*1*/*6*). Im süddeutschen Raum kommen diese Verstärkungen ab dem 13. Jahrhundert vor (*1*/*5*/*6*).

4. Schaftrandeinfassungen/Paspel: Als Schaftrandeinfassung bezeichnet man einen streifenförmigen Besatz der Schaftkante des Schuhs. Diese Art der Verstärkung ist archäologisch seit der Mitte des 13. Jahrhunderts nachweisbar (*1*/*2*/*6*). Zu Unterscheiden sind hier vier unterschiedliche Typen:
a.) einfache Schaftrandeinfassung/Paspel. Hierbei wird ein in der Regel ca. 0,5 – 0,7 mm breiter Lederstreifen mittels einer Überwendlichen Stossnaht gegen die Schaftkante des Schuhs „auf Stoß“ vernäht (*1*). Die Naht ist auf der Aussenseite nicht zu sehen.

einfache Paspel

einfache Schaftrandeinfassung

b.) gefaltete Schaftrandeinfassung/Paspel. Hier wird ein ca. 10mm breiter Lederstreifen längs gefalzt und ebenfalls mittels einer Überwendlichen Stossnaht gegen die Schaftkante des Schuhs vernäht (*1*/*6*). Auch diese Naht ist auf der Aussenseite nicht zu sehen.

gefalzte Paspel

gefaltete Schaftrandeinfassung

c.) gefaltete Schaftrandeindfassung/Paspel mit Stürz- und Applikennaht. Bei dieser Naht wird ein ca. 20 mm breiter Lederstreifen in einem ersten Arbeitsgang mittels einer Stürznaht, welche neben dem eigentlichen Schaftrand zum liegen kommt, vernäht. Im Zweiten Arbeitsschritt wird der Lederstreifen nach Innen umgelegt und mitels einer Applikennaht an der Fleischseite des Oberleders vernäht. In diesem Falle sieht man werde die Naht noch die Einfassung von Aussen (*1*).

gefaltet mit stürz und applikennaht

gefaltete Schaftrandeinfassung mit Stürz- und Applikennaht

d. gefaltete Schaftrandeinfassung/Paspel mit Abschlussnaht. Hierbei wird ein ca. 25 mm breiter Lederstreifen der Länge nach gefalzt und um den Schaftrand des Schuhes mittels einer offenen Abschlussnaht vernäht. Bei diesem Typ ist die Naht von aussen zu sehen(*1*/*2*).

gefaltete Schaftrandeinfassung mit Abschlußnaht

gefaltete Schaftrandeinfassung mit Abschlußnaht

 

5. Randstreifen/Kether: Durch die sich abzeichnende, langsame Umstellung der Sohlen-Oberlederverbindung vom Fleisch-Fleisch- Stich (Tunnelstich) auf den Fleisch-Kante-Stich (*a*), welche im Laufe des 11. Jahrhunderts beginnt und im 12. Jahrhundert ihren Abschluß findet (*1*/*2*/*3*/*4*), wird es nötig, das Oberleder im Nahtbereich zu schützen, da dieses durch diese neue Art der Nahtverbindung über die Sohlenkante tritt, somit beim gehen auf dem Boden schleift und daher nach und nach durchgescheuert wird. Um dies zu verhindern, legte man beim vernähen der Sohle mit dem Oberleder zwischen beide Teile einen Lederstreifen, welcher mit vernäht wurde. Dies führte unter anderem auch dazu, dass die Verbindungsnaht wesentlich dichter wurde und dem Schuh an sich mehr Stabilität in den Seitenpartien verliehen wurde. Diese sog. Randstreifen wurden sowohl um die ganze Sohle umlaufend als auch nur partiell im Fersen- oder Vorderfußbereich gesetzt.

Querschnitt mit Kether

Schuhquerschnitt mit Kether

6. Sohlenflicken: Durch den Randstreifen/Kether wurde es nunmehr auch ermöglicht, an selbigem die sog. Sohlenflicken zu befestigen. Diese Sohlenflicken wurden nach dem Wenden der Schuhe angebracht und verhinderten eine Abnutzung der eigentlichen Schuhsohle. Zusätzlich verliehen sie dem Schuh wiederum mehr Stabilität. Sohlenflicken wurden ebenfalls in den verschiedensten Variationen angebracht. Archäologisch am häufigsten nachweisbar ist die Verwendung von zwei Flicken (*1*/*6*), wobei jeweils einer im Vorderfuß- und einer im Fersenbereich, beide  direkt am Kether (s.o.) angebracht wurden (ebda). Da bei dieser Verarbeitungstechnik der Zwirn, welcher Flicken und Kether verbindet, auf der Außenseite der Sohlenflicken hervorschaut und daher relativ schnell  abgeschliffen wird, ging man im Laufe des 15. Jahrhunderts dazu über, auf der Narbenseite der Sohlenflicken vor dem Vernähen den sog. „Riß“ einzuschneiden. In diesem Schnitt wurde dann beim vernähen der Zwirn „versenkt“ und ein durchscheuern konnte verhindert werden (*7*).  

Konstruktion Sohlenflicken

Konstruktion Sohlenflicken

Häufig kann man auch beobachten, dass nur ein Flicken im Fersenbereich befestigt wurde (*5*).
Vereinzelt können im Fundgut auch andere Befestigungsweisen der Sohlenflicken nachgewiesen werden. Eine weitere, archäologisch nachzuweisende Möglichkeit bestand darin, den Sohlenflicken direkt mit der ursprünglichen Sohle mittels eines durchgehenden Tunnelstiches zu befestigen (*3*).

Randbemerkungen:
*a*:

Literatur:
*1* „Mittelalterliche Lederfunde aus Konstanz, Grabung Fischmarkt“ C. Schnack, Materialhefte zur Archäologie Heft 26, Konrad Theiss Verlag 1994
*2* “Ausgrabungen in Schleswig”, C. Schnack, Berichte und Studien 9, mittelalterliche Schuhfunde aus Schleswig/Schild, 1996
*3* “Shoes and Pattens”, Francis Grew/Margarethe De Neergard, Boydell Press 1989/2001
*4* ”Craft, Industries and everyday life: Leather and Leatherworking in Anglo-Sacandinavia and Medieval York”, Quita Mould/Ian Carlisle/Esther Cameron, York Archeologigal Trust 2003
*5* “ Der Windsheimer Spitalfund aus der Zeit um 1500”, Walter Jansen u.a., Verlag des Germanischen Nationalmuseums, 1994
*6* „Lederabfall“, Ilse Fingerlin, Materialhefte zur Archäologie in Baden Würtemberg, Band 31, Die Latrine des Augustinereremitenklosters in Freiburg, 1995
*7* Marquita und Serge Volken, „Die Schuhe aus der St. Martinskirche in Vevey“, Bericht über die Schuhfunde in Vevey, “Atelier d´ Archélogie Médievale”, Moudon 1991,